Freiheit und Rationalität aus islamischer Sicht

Dr. M. Razavi Rad
Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften Hamburg

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Wurzel aller Ideen von den Menschenrechten und somit auch von den Freiheitsrechten, auf der Definition des Menschen basiert.

Es gilt festzustellen, welche Stellung der Mensch, unabhängig von seiner Einstellung und Überzeugung, seiner Herkunft, gesellschaftlichen Stellung, Bildung und seines Geschlechts, hat.

Welche Rechte hat er? Kann er seine Rechte aus eigener Kraft einfordern? Wo steht der Mensch?Welchen Blickwinkel hat er? Welche Rechte stehen ihm zu, wenn er denkt, Fragen stellt, eine Auswahl trifft usw.?

Im Koran gibt es etliche Verse, die Aussagen über die Stellung und den Rang des Menschen machen.

Gott sagt:

„Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt …“ (17:70)

Die Menschen sind wie die Glieder eines Körpers, weil sie alle einen gemeinsamen Schöpfungsursprung haben.

Der Wert des menschlichen Seins ist vor Gott gleich; deshalb spricht Gott hier über alle Menschen – ohne spezielle Anrede.

Diese Auszeichnung lässt sich auch daraus ableiten, dass der Mensch allgemein in der Lage ist, die Wahrheit des Universums zu erkennen und in allen Bereichen des Lebens seine Kenntnis erweitern kann.

Er kann etwa die schönsten moralischen Eigenschaften verwirklichen oder die Ursache für die übelsten Taten und Eigenschaften sein – und obwohl er all diese Gegensätze in sich hat, ist er wertvoll und das vollkommenste Geschöpf des Universums:

Der Koran sagt:

„Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form und Gestalt erschaffen.“ (95:4)

Das bedeutet jeder Mensch ist mit besonderer Würde ausgestattet.

Wir behandeln jeden Menschen würdig, wenn wir seine Rechte in jeder Hinsicht achten und anerkennen, weil wir davon ausgehen, dass kein Mensch ursprüngliche Vorteile hat oder besser ist als andere.

Wenn ein Mensch in bestimmten wissenschaftlichen oder technischen Bereichen oder im Hinblick auf seine Moral und Ethik besondere Fertigkeiten entwickelt, so erlangt er selbstverständlich eine besondere Stellung und ein höheres Ansehen als andere, aber das bedeutet nicht, dass die anderen Menschen benachteiligt werden dürfen oder unbedeutend sind.

Man darf nicht vergessen, dass alle Menschen diese Rechte und Fähigkeiten haben: jeder Mensch muss würdig behandelt werden, auch wenn er nicht so denkt wie ich.

Imam Ali sagte zu Malek:

„Sie sind von zweierlei Art: entweder sind sie deine Geschwister im Glauben, oder sie sind Geschöpfe wie du.“ (Nahgul Balaga, S. 993)

Deshalb ist die Bevorzugung eines Menschen nicht erlaubt, weil alle Menschen Gottes Geschöpfe sind – und wer dieses Prinzip berücksichtigt, ist vor Gott angesehener.

Im heiligen Koran lesen wir:

„O ihr Menschen, Wir haben euch von einem Mann und einer Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander erkennt. Der Angesehenste von euch ist der Gottesfürchtigste. Gott ist allwissend und erkennend.” (49:13)

Das Geheimnis dieser Achtung vor dem Menschen liegt in der göttlichen Veranlagung, die bei allen Menschen ursprünglich gleich ist.

Ist es angesichts dieser, auf den Koran zurückgeführten, Ansichten nicht bedauerlich, dass gewisse Theorien immer noch anders denkende Menschen als Feinde ansehen ?

Die Freiheits- und Grundrechte des Menschen im Islam sind untrennbare Bestandteile dieser Religion und zwar in einem Maße, dass niemand sie einschränken oder verweigern darf.

Nach meinem Verständnis vom Koran kann ich Freiheit nicht einmal als ein menschliches Recht verstehen, vielmehr habe ich keine andere Definition für den Menschen als Freiheit, d. h. der Mensch ist wesenhaft frei.

Wie kann man ohne Freiheit von einer Identität als Mensch sprechen? Wenn man den Menschen seiner Freiheit beraubt, hat man ihm seine Identität genommen, weil die Grenze der menschlichen Identität im Vergleich zu anderen Lebewesen diese Freiheit ist. Deshalb ist Freiheit nicht das Recht des Menschen sondern er selbst.

Wenn dies nicht explizit im Koran erwähnt ist, der Despotismus aber oft verurteilt wurde, dann ist das so zu verstehen, dass Freiheit etwas Selbstverständliches und Klares ist, wie z. B. die Luft zum Atmen, die ebenfalls nicht explizit erwähnt wurde.

Freiheit ist kein religiöses Geschenk, das die Religion definiert oder gefährdet, und es ist auch keine Erfindung nichtreligiöser Gesellschaften, welche nunmehr religiösen Gesellschaften geschenkt werden soll, sondern vielmehr eine Notwendigkeit, die mit der Existenz der menschlichen Identität einhergeht.

Kein Prophet darf einen Menschen zu einer bestimmten Idee zwingen oder, genauer gesagt, dessen Freiheit in Ketten legen.

Im Koran wird im Gegensatz dazu gesagt:

„…und er nimmt ihnen ihre Last hinweg und die Fesseln , die auf ihnen lagen. ” (7:157)

D. h. Gott hat die Propheten entsandt, damit die Rechte und die Freiheit des Menschen gedeihen können und bewahrt werden. Die göttliche Botschaft fördert nicht die Passivität der Menschen und legt ihren innovativen Ideen und Gedanken auch keine Ketten an.

Ganz deutlich wird gesagt:

„…und du hast keine Gewalt über sie…” (50:45),

d. h. du bist nicht der Herrscher über den Willen der Menschen, so dass sie annehmen müssen, was du sagst. Du bist nicht nur kein Herrscher, du bist auch kein Vertreter der Menschen, so dass du für sie wählst oder nicht wählst.

Und es wird gesagt:

„…Wir haben dich weder zu ihrem Hüter gemacht, noch bist du ihr Wächter.” (6:107)

Du bist kein Vertreter der Menschen, weil sie selbst leben und Verstand haben. Du kannst ihnen die göttliche Botschaft kundtun, aber sie selbst können wählen.

Weiterhin heißt es:

„Du hast aber keine Macht über sie” (88:22),

d. h. du beherrschst sie nicht.

Jedoch was geschieht, wenn sie die göttliche Botschaft ablehnen?

Prophet Muhammad war besonders in den letzten Jahren vor seiner Auswanderung von Mekka nach Medina sehr darum bemüht, seine göttliche Botschaft zu übermitteln.

Es bedrückte ihn sehr, dass viele Menschen seiner Botschaft kein Gehör schenken wollten, woraufhin Gott, zur Ermutigung Seines Gesandten offenbarte:

„Und falls dein Herr wollte, bestimmt hätten alle, die auf Erden sind, geglaubt. Doch willst du die Menschen zwingen, damit sie Gläubige werden?”(10:99)

Dieser Vers verbietet ganz offensichtlich, die Menschen zum Glauben zu zwingen. D. h. niemals heißt der Koran Zwang gut, und es ist nicht die Absicht Gottes, dass die Menschen um jeden Preis gläubig werden.

Gott spricht:

„Es gibt keinen Zwang im Glauben. Die Rechtleitung ist gegenüber dem Irrtum klar geworden.“ (2:256)

Aus diesem Grund ist es unmöglich, jemanden durch rohe Gewalt von der Richtigkeit des Islams zu überzeugen. Und gerade weil der Islam geistige und spirituelle Besonderheiten und Vorzüge besitzt, bietet er den Menschen hierin völlige Entscheidungsfreiheit.

Gott sagt ganz klar und deutlich:

“Kehren sie sich (vom Glauben) ab, so haben Wir dich nicht als deren Wächter entsandt…”, (42:48),

d. h. du kannst sie nicht bevormunden.

Und was ist dann die Aufgabe des Propheten?

„…Deine Pflicht ist nur die Verkündigung…“ (42:48)

D. h. der Prophet hat die Aufgabe, die göttliche Wahrheit kundzutun, aber den Menschen steht es frei, sich dafür zu entscheiden oder nicht. Deshalb hat die Einschränkung der Freiheit des Menschen im Islam keine religiöse Rechtfertigung, vielmehr verurteilt der Koran jeglichen Despotismus.

Wie sollte man also die Ansicht vertreten, der Koran oder der Prophet, würden die Freiheit des Menschen beeinträchtigen? Und wie könnten wir religiös rechtfertigen, als religiöse Menschen über die Akzeptanz oder Ablehnung der anderen wachen zu müssen?

Wenn es eine reine Wahrheit gibt, wie kann man dann mit eingeschränkter Freiheit zu dieser Wahrheit gelangen? Ist es logisch und vernünftig, im tosenden Meer mit geschlossenen Händen zu schwimmen?

Wenn die menschliche Freiheit auf dem Gebiet der Forschung und dem Weg der Selbsterkennung und Menschwerdung eine Gefahr für uns darstellte, sollte uns dann nicht Gott davor warnen? Es gibt jedoch keine Koranverse oder Überlieferungen hierzu, vielmehr lesen wir Gegenteiliges:

“Gib denn die frohe Botschaft Meinen Dienern; es sind jene, die auf das Wort hören und dem besten von ihm folgen.”(39:17,18)

Auch Imam Ali hat betont:

“Der Mensch ist nicht als Gefangener auf die Welt gekommen, und die Menschen sind alle frei“,

und er gab seinem Sohn folgenden Rat:

“Sei niemals der gefangene Diener der anderen, denn Gott hat dich frei erschaffen.” (Naghul-Balagha, Brief 31)

Weiterhin ist von Imam Sadiq überliefert:

“Die Menschen sind alle frei, außer jenen, die die Freiheit nicht wollen.”

Die Abweichung vom Weg der Freiheit führt zur Gefangenschaft. Jeder Fortschritt im wissenschaftlichen, künstlerischen, ökonomischen, moralischen oder jedem anderen Bereich kann nur im Einklang mit Freiheit realisiert werden.

Wer dem Menschen Freiheit vorenthält, verhindert, dass die göttliche Veranlagung des Menschen realisiert wird, das ist ein Unrecht am Menschen.

Zweifellos ist die Freiheit eine Notwendigkeit für den Menschen, und wenngleich er ein gesellschaftliches Wesen ist, bedarf er der Freiheit ebenso wie er Wasser oder Luft zum Leben braucht.

Es gilt verantwortlich mit der Freiheit umzugehen, damit sie nicht missbraucht wird oder zur Gefahr wird, wie z. B. vergiftetes Wasser oder vergiftete Luft.

Die mangelnde Gedankenfreiheit in den Gesellschaften zerstört allmählich den Glauben der Menschen, und dadurch werden Werte wie z. B. Aufrichtigkeit, Zivilcourage, Harmonie usw., verschwinden und Unwerte wie Doppelmoral, Heuchelei etc., sich verbreiten.

Die Suche nach der Wahrheit ist dem Menschen ein Grundanliegen. Denken und Reflektieren sind seine besonderen Fähigkeiten. Wenn diese der Logik folgen, werden sie wertvolle Ergebnisse hervorbringen.

Niemand darf auf diese eigenen Rechte und die der anderen verzichten. Im Koran lesen wir in diesem Zusammenhang:

„Wahrlich, als die schlimmsten Lebewesen gelten bei Allah die tauben und stummen, die keinen Verstand haben.“(8:22)

Der Prophet sagt:

„Eine Sekunde Nachdenken über den Sinn der Religion ist wertvoller, als das jahrelange blinde Ausführen religiöser Rituale.“

Das bedeutet, dass der Mensch erst durch Denken seine menschliche und religiöse Persönlichkeit entwickelt.

Der persische Dichter Rumi sagte:

„O Mensch, du bist reiner Gedanke, ansonsten bestehst du aus Knochen und Haut; wenn dein Gedanke einer Blume gleicht, bist du wie ein Garten, und wenn dein Gedanke einem Dorn gleicht, bist du wie Brennholz für den Ofen.“

Der Prophet sagte,

„Niemals ward’ Gott mit etwas gedient, was besser ist, als der Intellekt,“ und „Gott hat den Dienern nichts Vorrangigeres zugeteilt, als den Intellekt.“1

Er hat weiterhin treffend gesagt:

„Wer keine Vernunft hat, hat keine Religion.“

Selbstverständlich kann Religion auch selbst nicht unvernünftig sein. Im Koran wird deshalb der Weg betont, der zu rationalem Denken und Vernunft führt.

Es ist kein Zufall, dass Gott die Menschen in mehr als dreihundert Versen im Koran zum Denken einlädt. Das bedeutet, je mehr die Religion diskutiert wird, desto mehr wird die göttliche Wahrheit manifest.

Und der Prophet sagte:

„Wehe denen, die den Koran lesen, aber nicht darüber nachdenken“.

Denn der aus einem problematischen Koranverständnis resultierende Schaden ist für den Gläubigen groß.

Leider ist die Denkkultur in gegenwärtigen religiösen Gesellschaften nicht vorbildlich. Wie kann man auf eine bessere Zukunft für den Islam und islamische Gesellschaften hoffen, wenn ein Teil der Muslime die Nachahmung der Nachforschung vorziehen?

Rumi dichtete:

„Schön gesagt hat es der Prophet
ein wenig Verstand ist besser als Fasten und Gebet;

denn das Wesentliche ist der Verstand, und die anderen
zwei vervollständigt der Verstand.“

Grundlage der Offenbarung und der Entsendung von Propheten ist, dass die Menschen von ihrer gottgegebenen Vernunft Gebrauch machen.

Imam Ali beschreibt die Philosophie des Prophetentums so:

„…auf dass sie die vergrabenen Schätze der Intellekte induzieren.“2

Einen Widerspruch zwischen Vernunft und Religion haben jene verursacht, die mit wissenschaftlichen Erkenntnissen unverantwortlich umgegangen sind.

Vernunft und Religion ergänzen sich. Wenn damit verantwortlich umgegangen wird, wird das Ergebnis der Menschheit dienlich sein.

Die Stellung der Vernunft ist so hoch, dass einige Denker und Gelehrte jede Tat, die von der Vernunft gutgeheißen wird, als gut ansehen: „Alles, was die Vernunft urteilt, urteilt auch die Offenbarung“.

Die Vernachlässigung jener zutiefst menschlichen Fähigkeit kommt einer Isolierung der menschlichen Existenz gleich. Letztlich beweist jede gründliche Auseinandersetzung mit der Existenz der Vernunft ihre eigene Notwendigkeit. Ich finde von daher keine rationalen Argumente gegen rationale Religiosität.

Vernünftiger Glauben bedeutet, anderen Religionen und Kulturen gegenüber respektvoll zu handeln. Dies beinhaltet nicht nur Freiheit in der Religion, sondern auch politische, kulturelle und soziale Freiheit.

Vernünftiger Glaube bedeutet, Menschen so wahrzunehmen, wie sie sind, und nicht, wie wir sie haben wollen.

Er bedeutet, Freunde menschlich zu behandeln und Feinden geduldig gegenüberzutreten.

Der persische Dichter Hafis beschrieb den vernünftigen Umgang mit Gegnern wie folgt:

„Zweier Welten Friede ist die Bedeutung dieser Worte:

Sei mit Freunden hochherzig, sei mit anderen tolerant.“

Vernünftiger Glaube bedeutet, jegliche Schwarz-Weiß-Sichtweise zu vernachlässigen, Gerechtigkeit zu suchen, Parteilichkeit zu vermeiden und die Würde der Mitmenschen zu schützen.

Solange unterschiedliche Meinungen nicht geäußert werden, können wir die Wahrheit nicht überprüfen, geschweige denn beweisen.

Meinungsfreiheit ist daher Voraussetzung freien, wissenschaftlichen Denkens. Die Meinungsfreiheit wiederum hat ihre eigenen Bedingungen.

Rumi sagt:

„Der Mensch ist unter der Zunge versteckt,
und diese Zunge ist für den Menschen ein Vorhang.“

Sprache birgt viele Geheimnisse der Menschheit in sich und wie ein offenes Fenster kann sie den Blick auf Gedanken freilegen.

Sie kann aber auch, wenn sie unverantwortlich oder gar manipulativ genutzt wird, großen Schaden bewirken.

Mit dem Recht auf Meinungsfreiheit sollte daher auch vernünftig und gerecht umgegangen werden.

Rumi sagt weiter:

„Die Sprache ist wie ein Stein, ein Stück Eisen.

Was sie verursacht, gleicht einem Feuer,

und ein Wort kann eine Welt vernichten.“

Wird das Wort ein Pfeil, der Menschen verletzt, ist keinem vernünftigen Zweck gedient.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass nach Belieben und ohne alle Bedenken alles ausgesprochen werden kann. Mittels Sprache kann man die Wahrheit in Unwahrheit verkehren und umgekehrt.

Deshalb sollte die Sprache immer ein Mittel der Vernunft sein. Wie also die Meinungsfreiheit das Unterpfand der Wissenschaft ist – so bleiben Takt und gute Manieren erforderlich.

Am Ende aber stehen sich zwei Pflichten des Menschen gegenüber: der Mensch soll seine Wünsche äußern und seine Rechte beanspruchen, dabei jedoch die Wünsche und Rechte der Gesellschaft nicht verletzen.

Wir brauchen Menschen, die sich ihren Mitmenschen gegenüber verantwortlich fühlen. Wissen, Erkenntnis, Weisheit und Bewusstsein spielen eine Schlüsselrolle dabei.

Darum sagt der Koran:

„Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast.“(17:36)

Dieser Aspekt wird auch im Verhalten der großen Persönlichkeiten, allen voran der Propheten, deutlich.

Imam Ali sagte zu seinem Gefährten Kumayl, dass er sich von einer Sache fernhalten solle, von der er keine Kenntnis habe. Ohne Kenntnis kann man keine richtige Entscheidung treffen. Deshalb bat auch der Prophet darum, dass ihm Gott die Wahrheit der Phänomene noch deutlicher mache.

Gott ruft die Menschen ausdrücklich dazu auf, nachzudenken und bewusst zu handeln, und Handlungen, die unbedacht geschehen, gelten als ungültig.

Somit ist im Islam die Gedankenfreiheit nicht nur nicht verboten oder eingeschränkt, vielmehr ist die Aufforderung zum Denken sogar eine der wichtigsten Lehren und Botschaften des Islams.

Der Mensch soll zum Denken motiviert werden, ihm werden innerhalb dessen, was die menschlichen Fähigkeiten erlauben, keine Grenzen gesetzt.

Darum erachtet der Islam verschiedene Meinungen und Stimmen für wichtig, um eine gute Basis für das Denken zu haben.

Im Grunde kann die Wahl des richtigen Lebensweges erst dann eine Bedeutung haben, wenn man verschiedene Denkarten und Meinungen kennt.

So heißt es im heiligen Koran:

“Gib also Meinen Dienern, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen.“ (39:18)

Was aber ist mit denjenigen, die nicht den Islam angenommen haben?

Gott antwortet:

“Jene, die glauben, und jene, die Juden geworden sind, und die Christen und die Sabäer – Wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und gute Werke verrichtet, denen wird bei ihrem Herrn ihr Lohn zuteil werden, und sie werden wedersich fürchten müssen noch traurig sein.” (2: 62)

Dieser Vers verlangt von einem Menschen, der Muslim ist, dass er andere Menschen, die keine Muslime sind respektiert und achtet.

Obwohl Gedankenfreiheit ein fundamentales Prinzip und eine grundlegende Besonderheit des islamischen Glaubens darstellt, werfen diejenigen, die sich mit dem Islam auseinandersetzen, ihm immer wieder vor, er sei nur durch das Schwert verbreitet worden. Dies ist mit dem Koran nicht zu vereinbaren:

” Sprich: ,Es ist die Wahrheit von eurem Herrn.’ Darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.” (18:29)

Die Muslime müssen gerade heute, mehr als je zuvor, praktische Schritte gehen, um die wahre Botschaft des Islam zu erfüllen und seine Ziele, wie auch sein Potential, in die Tat umzusetzen, wozu unbedingt gehört, die Grundrechte des Menschen zu kennen und zu achten.

Wir lesen im Koran, dass die Vernichtung eines Menschenlebens der Vernichtung der Menschheit gleicht, und die entsprechende Vergeltung dafür sich an diesem totalen Vergleich orientieren wird.

Ich frage mich, hat man nicht bereits die Seele des Menschen getötet, wenn man ihn in seinem Bewusstsein beschränkt? Liegt es nicht auf der Hand, dass der Tötung unschuldiger Menschen erst die Tötung ihres Geistes und ihrer Seele vorausgeht? Geht der militärischen Auseinandersetzung nicht die gedankliche voraus?

1 Vgl. ebd.: S. 16, H. Nr. 11.

2 Vgl. Nahjul-Balagha: Chutba (Ansprache) Nr. 1.

Quelle:
© Institut für Human- und Islamwissenschaften e.V.
Dialog Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Begegnung
Jahrgang 14 • Heft 26&27 • Jahr 2015